Newsletter April 2019

Zweierlei Dankbarkeit

Dankbarkeit gehört zu den Eigenschaften, die uns seit frühester Kindheit beigebracht, ja manchmal richtiggehend antrainiert werden. Sich zu bedanken, wenn wir etwas bekommen oder jemand etwas für uns tut, gehört zum Katalog der grundlegenden Umgangsformen, die wir in unserer Kultur etabliert haben. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir wahrgenommen haben und zu schätzen wissen, was wir bekommen haben.

Oft genug entsteht bei dieser Art des Dankens gleich noch etwas anderes mit dazu, ein innerer Merkposten, ein Eintrag auf unserer „Sollseite“. Denn eine Hand wäscht die andere. Wir haben etwas bekommen und stehen in der Schuld, etwas zurück zu geben. Wir sollten uns also tunlichst bei nächster Gelegenheit revanchieren, um die Bilanz wieder auszugleichen.

Dieses Prinzip hat natürlich sein Gutes, ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen empfinden die meisten von uns als angenehm oder sogar als Voraussetzung für eine gute Beziehung mit anderen Menschen.

Und doch kann das Prinzip des Ausgleichs einen Schatten auf das Ereignis des Gebens und Empfangens werfen, der Dankbarkeit bereits eine Prise Unbehagen und Druck hinzufügen.

Wenn Kinder etwas bekommen, hören sie oft den Satz: „Wie sagt man da?“ Und artig sagen die Kinder dann das Zauberwort „Danke!“. Haben wir dabei nicht oft das Gefühl, dass dieses danke sagen unnötig ist? Ist nicht die offensichtliche Freude des Kindes vollkommen ausreichend, ein Dank überflüssig, ja manchmal sogar unpassend und störend?

Woran liegt das, dass hier das bewährte Ausgleichsprinzip außer Kraft gesetzt ist?

Das Kind bringt sich ganz natürlich voll und ganz in diesen Augenblick ein, einfach aus Lust, Interesse und Freude an ihm selbst. Es verkörpert diesen Augenblick spontan so, wie er eben ist und lässt sich ganz darauf ein. Das ist gelebte Dankbarkeit, die keine Worte als Bestätigung braucht. Sie ist da, egal ob dem Kind dabei jemand zusieht oder nicht.

Es ist keine Dankbarkeit jemandem gegenüber oder für irgendetwas. Diese Dankbarkeit ist eher eine Lebenshaltung, ein Sein. Sie entsteht ganz automatisch, wenn wir uns dem Leben offen zuwenden. Ohne es anders haben zu wollen, als es in diesem Moment ist. Je weniger Forderungen und Erwartungen wir haben, je weniger Vergleiche wir anstellen, desto leichter kann sich diese Art der Dankbarkeit durch uns zum Ausdruck bringen. Auch und gerade dann, wenn uns das Leben gerade nicht das präsentiert, was wir gerne erfahren würden.