Newsletter Juli 2021

Schutz des Selbstbilds

Das Bild, das wir von uns selber haben, wird von unserer frühesten Kindheit an fortlaufend modelliert. Anfangs entsteht es vor allem aus dem Einfluss unserer Eltern, deren Wahrnehmungen, Deutungen und Zuschreibungen in uns allmählich zu einer eigenen Identität, zu einem Selbstbild heranwächst. Anfangs ist dieses Selbstbild noch offen, neigt dazu, Verbindungen mit „Außen“ einzugehen, zu verschmelzen. Später wird es immer kompakter, schärft seine Konturen, definiert konsequent seine Grenzen zu „Außen“.

Parallel zur Verfeinerung und Verfestigung der Definition wird auch der Schutz des Selbstbilds auf- und immer weiter ausgebaut. Während das Selbstbild sich aus mentalen Konzepten aufbaut („so bin ich“, „ich bin ein Versager“, „ich bin ein guter Mensch“ etc.), verwenden wir für den Schutz des Selbstbilds emotionale Komponenten: manchmal setzen wir eine Portion Wut ein oder eine Prise Scham, bei anderen Gelegenheiten greifen wir vielleicht lieber auf Schuldgefühle zurück oder aktivieren die Opfer-Emotion. Im Laufe unseres Lebens haben wir uns ein umfangreiches Sortiment an Emotionen verfügbar gemacht, das wir mit großer Expertise für den Schutz unseres Selbstbildes einsetzen.

Das Selbstbild und der Schutz gehören untrennbar zusammen, das eine gibt es nicht ohne das andere. Solange wir in der Identifikation mit unserem Selbstbild gefangen sind, richten wir unsere Energie darauf aus, es zu erhalten und zu schützen.

Was geschieht aber, wenn uns allmählich dämmert, dass wir nicht unser Selbstbild sind, dass unser wahres Wesen weit darüber hinaus geht und sich nicht durch mentale Konzepte begrenzen lässt? Wenn wir das mentale Konzept als Illusion erkennen, müssen wir es auch nicht mehr so konsequent stabilisieren und vehement verteidigen. Wir lassen los, vergeuden immer weniger emotionale Energie, um Schutzmauern zu errichten, die uns in Wirklichkeit nicht schützen, sondern uns auf weniger einschränken als wir in Wahrheit sind.