Newsletter Januar 2021

Das Ist und das Nicht

Das Ist und das Nicht

„Jedes Sein, das ist und verwirklicht wird, ist umgeben von einem Nicht, das dazu gehört.“

Bert Hellinger

Unser Lebensweg erscheint uns eindimensional zu sein. Im Laufe unseres Lebens kommen wir an einer unendlich großen Anzahl an Kreuzungspunkten an, an den wir uns notwendigerweise für die eine oder andere Richtung entscheiden müssen. Von Kreuzungspunkt zu Kreuzungspunkt setzt sich unser Lebensweg zusammen.

Wenn wir „von oben“ darauf schauen, sieht das wie eine Linie aus vielen Punkten auf einer riesigen Fläche aus. Vielleicht verläuft sie eher gerade, vielleicht in sanften Kurven, oder im Zick-Zack. Die Abzweigungen, die wir nicht gegangen sind, scheinen für uns nicht sichtbar zu sein, es gibt in unserer Wahrnehmung nur diese eine Linie.

Dennoch wissen wir um diese Abzweigungen. Sie stehen für die Alternativen, gegen die wir uns entschieden haben. Auch sie verzweigen sich weiter ins Unendliche. All das, wogegen wir uns entschieden haben, können wir als das „Nicht“ bezeichnen.

Hat dieses Nicht keine Bedeutung, weil wir es ja nicht gewählt haben und nicht erfahren? Wir alle erinnern uns an Kreuzungspunkte, die für uns von besonderer Bedeutung waren. Manchmal fragen wir uns noch nach Jahrzehnten, wie es uns wohl ergangen wäre, wenn wir damals statt nach rechts nach links gegangen wären, wenn wir weitergegangen wären statt umzukehren, wenn wir nein statt ja gesagt hätten. Die Intensität einer solchen inneren Begegnung mit einem Kreuzungspunkt kann nahezu unverändert geblieben sein.

Das Nicht hat in diesem Sinne also doch eine Wirkung. Wir geben ihm eine Wirkung, indem wir das Nicht in einen Bezug zu unserem „tatsächlichen“ Leben stellen. Oder umgekehrt: wir geben unserem tatsächlichen Leben Bedeutung, indem wir einen Bezug zu diesem Nicht herstellen. Wir können beispielsweise dem Nicht nachtrauern oder uns beglückwünschen, es nicht erfahren zu müssen.

In gewisser Weise kann unser Ist nur in diesem „Raum des Nicht“ existieren, es ist untrennbar mit ihm verbunden. Wenn wir das Nicht verachten oder ablehnen, schwächt es unser Ist. Wenn wir das Nicht hingegen wertschätzen, fügt es unserem Ist etwas hinzu, bereichert es und verbindet es mit der zugrunde liegenden Ganzheit.