Newsletter November 2020

Toleranz

Aktuell durchleben wir weltweit, und sehr intensiv auch in unserer Gesellschaft hier in Deutschland, eine Phase starker Polarisierung und Spaltung, die alle Ebenen, Gruppen und Bereiche unseres Miteinanders erfasst hat. Eine Art Superinfektion sozusagen, für deren Nachweis wir keinen PCR-Test benötigen, sie ist mittlerweile fast allgegenwärtig.

Die Differenzen gehen offensichtlich weit über rein inhaltliche Aspekte, über die Einordnung der vorhandenen Informationen hinaus. Hier prallen auch Überzeugungen, Belief-Systeme und Werte aufeinander. Die Spaltung reicht bis in den Kern unserer individuellen Identitäten hinein, entsprechend heftig eskalieren die Konflikte. Auch innerhalb von Familien, zwischen Menschen, die sich sehr nahe stehen.

Manchmal können wir es kaum fassen. Wie um alles in der Welt kann die andere Person nur so etwas denken, den falschen Leuten vertrauen, sich so verhalten? Wie konnten wir selbst uns nur so in der anderen Person täuschen?

Toleranz ist ein Wert, zu dem wir alle ja sagen können. Und selbstverständlich nehmen wir für uns in Anspruch, diesen Wert auch zu leben. Jederzeit würden wir unterschreiben, dass jede/r glauben kann, was sie/er will, dass wir die Meinungsfreiheit schon quasi in unsere DNA eingeprägt haben. Und auf einmal stellen wir fest, dass sich dennoch etwas verändert hat, dass sich etwas eingeschlichen und festgesetzt hat, dass die Grundschwingung der Beziehung unharmonischer geworden ist, unruhiger und instabiler.

Je mehr der Kern der individuellen Identität betroffen ist, desto heftiger und unnachgiebiger tendieren wir dazu, ihn zu verteidigen. Unsere Bereitschaft steigt, mit Sanktionen, Abwehrmaßnahmen und Angriffen zu reagieren, die für uns unter normalen Umständen keinesfalls in Frage kämen. Wie weit und wie schnell das gehen kann, sehen wir nicht nur im Bereich unserer persönlichen Beziehungen, sondern auch auf kollektiver und politischer Ebene bei uns hier in Deutschland und weltweit.

Wenn wir tiefer in uns hinein gehen, in uns hinein spüren, erkennen wir, dass Angst das Zentrum ist, aus dem sich das alles speist. Manchmal können wir die Angst näher benennen, Angst vor Krankheit oder Tod, Angst vor Alleinsein, Angst vor Ich-Verlust, Angst vor Unsicherheit und Chaos, Angst vor Unterdrückung und Diktatur. Manchmal kommen wir nur in Kontakt mit der Qualität dieses Gefühls.

Dieses in-Kontakt-kommen mit der Angst, sie zuzulassen, ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt. Uns selbst mit diesem Gefühl anzunehmen, ist der zweite Schritt, der dann schon etwas leichter sein kann. Wenn wir soweit sind, dass wir uns selbst mit unserer Angst annehmen können, können wir uns den anderen Menschen zuwenden. Wir werden erkennen und vielleicht sogar spüren, dass es ihnen sehr ähnlich ergeht wie uns selbst. Auch sie sind an die Grenzen ihrer Komfortzone gekommen, auch für sie geht es ans Eingemachte.

Wenn wir hier angekommen sind, kann es sein, dass wir spontan die Erfahrung von Toleranz machen. Vielleicht sogar in einer intensiveren und umfassenderen Qualität als früher. Die Angst kann noch da sein oder auch nicht. So oder so hat sich etwas in uns verändert und geöffnet, sind Barrikaden gefallen und Spielräume für gegenseitiges Verständnis entstanden.