Newsletter September 2020

Lauschen mit allen Sinnen

Das weite Feld der Kunst des Wahrnehmens spielt bekanntlich im NLP eine wichtige Rolle. Eine der „Basis-Facetten“ ist die spielerische Flexibilität in der Einstellung des Fokus unseres Wahrnehmens. Wir können unseren Fokus entweder eher scharf einstellen („fokussieren“) oder eher weit einstellen („de-fokussieren“). Das eine ist natürlich nicht besser als das andere. Es kommt mehr darauf an, ob wir hier eine gewisse Beweglichkeit besitzen, ob wir die Brennweite variabel auf die Belange unserer aktuellen Situation einstellen können.

In unseren sozio-kulturellen Rahmenbedingungen dominiert tendenziell das Fokussieren. Wir sehen und hören genau hin, wir analysieren, differenzieren, dokumentieren, sezieren, diskutieren und strukturieren. Das hat auch damit zu tun, dass wir stets unterwegs sind, weiter kommen wollen, von hier nach da streben, den nächsten Schritt vorbereiten, noch bevor wir den vorigen gesetzt haben. Wir tüfteln an Plänen, die wir umsetzen wollen, und zwar unter maximaler Kontrolle.

Das De-Fokussieren eignet sich nicht so für die Strategie des penibel getakteten Vorwärtsdrangs. Es nimmt eher das Tempo raus und schaltet uns in den Leerlauf. Wir bewegen uns in den Zustand eines achtsamen Zeugen. Wir lassen zu, dass sich das Geschehen entfaltet, lassen uns fallen in seine Eigendynamik.

Im auditiven Bereich kennen wir das schöne Wort „lauschen“. Lauschen können wir mit oder ohne Geräusche. Wir können ins Außen lauschen, aber auch nach innen. Es gibt dabei kein Um-zu, keine Erwartung, kein Ziel. Es spielt keine Rolle, was sich zeigt oder ob sich überhaupt etwas zeigt.

Im visuellen Bereich des De-Fokussierens weiten wir den Blick, lassen ihn weich werden, wir gelangen in eine Art panoramisches Schauen. Es geht nicht um Einzelheiten oder Bewegung, es geht um die Verbindung, das Zusammenspiel, um das Ganze.

Auf der kinästhetischen Ebene des De-Fokussierens spüren wir uns als den inneren Körper, als das feine, lebendige Energiefeld, dessen wir uns gewöhnlich kaum bewusst sind. Diese Vitalität braucht kein Projekt, kein Ziel, keine To-Do-Liste. Es bringt uns in die innere Essenz des Geschehens, in dem wir uns befinden und dessen Teil wir sind.

So können wir wieder den Rhythmus aufnehmen, wenn wir merken, dass wir aus dem Takt geraten sind, eine alte Leier angestimmt haben oder nicht mehr unser eigenes Lied singen. Immer wieder mal Lauschen mit allen Sinnen, zwischendurch den Gang rausnehmen, in Verbindung gehen mit dem, was jetzt und hier da ist.