Newsletter Februar 2020

Die Falle des Kommentierens

Unsere Fernsehprogramme sind voll von Nachrichtensendungen und Dokumentationen, in denen sehr wenig Neues auftaucht, dafür werden aber eine Fülle von Interpretationen, Einschätzungen und Bewertungen präsentiert. Gleiches gilt für die zahlreichen Diskussionsrunden zu den verschiedensten Themen, bei denen Vertreter unterschiedlicher Positionen zu Wort kommen. Offenbar steckt hinter diesen Sendungen die Überzeugung, dass wir der Erkenntnis und Wahrheit näher kommen, wenn wir zwei oder mehr Seiten aufeinander treffen lassen, die Standpunkte abwägen, diskutieren und in der Arena des Debattierens um den Sieg antreten lassen.

Wenn man sich das genauer anschaut, gewinnt man jedoch mehr und mehr den Eindruck, dass es auf diese Weise selten zu mehr Einsicht und Wahrheit kommt. Stattdessen geht es meist in größere Streitigkeiten, weniger Klarheit und noch starrere Glaubenssätze über. Die Wahrheit, nach der gesucht wurde, wird meist noch komplexer, unschärfer und lässt Beteiligte und Zuhörer ratlos, erschöpft und unzufrieden zurück. In den sozialen Netzwerken ist es nicht anders, auch hier nimmt die Sucht nach Kommentieren und Bewerten immer größere Ausmaße und die bekannten Auswüchse an.

In unserem ganz persönlichen Alltag findet sich diese Dynamik, was kaum überrascht, ebenfalls wieder. Wir verwenden viel Zeit und Energie darauf, uns mit anderen Menschen über die Interpretation von Ereignissen auszutauschen und zu versuchen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Oder am besten den anderen von unserer Sicht der Dinge zu überzeugen. Zudem praktizieren wir das innerlich auch mit uns selber: wir überwachen und kommentieren jeden einzelnen unserer Schritte, Handlungen und Gedanken und bemühen uns, auf diese Weise mit uns selbst (oder eher mit unserer Vorstellung von uns selbst) ins Reine zu kommen.

Indem wir den Fluss des Geschehens fortlaufend kommentieren, trennen wir uns von der unmittelbaren Erfahrung des Passierenden. Wir schaffen eine Distanz zwischen dem Leben selbst und unserer Vorstellung davon. Wir erleben unser eigenes Leben dann wie ein Sportreporter, der das Spiel kommentiert, ohne mitzuspielen. Das ist anstrengend, wenig befriedigend und schneidet uns von der vollen Erfahrung der Wirklichkeit ab.

Wie können wir anfangen, uns wieder voll und ganz ins Leben hineinzuwagen? Den jetzigen Augenblick in seiner ganzen Fülle zu erfahren? Es gehört Mut, Geduld und Beharrlichkeit dazu, sich auf diesen Weg zu machen und die scheinbare Sicherheit einer auf Konzepten aufgebauten Welt hinter sich zu lassen. Ein Patentrezept für Loslassen, vorbehaltsloses Annehmen und unmittelbares Erfahren gibt es nicht, und doch ist jeder Augenblick eine neue Gelegenheit:

Jeden Gedanken, jedes Urteil, das in unserem Bewusstsein auftaucht, können wir verwenden, um uns selbst damit anzunehmen. Selbst das gewöhnlichste Ereignis kann uns einen reichen Erfahrungsraum öffnen, wenn wir uns erlauben, uns ihm mit all unseren Sinnen zu öffnen. Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Was offenbart es, wenn wir es nicht benennen?

Der Schleier des Kommentierens ist oft gar nicht so dicht und stabil, wie es den Anschein hat.