Newsletter Juli 2018

Verlust

In unserer Welt des fortwährenden Strebens nach Wachstum, nach mehr und immer mehr, ist für Verlust kein Platz vorgesehen. Verlust ist zu vermeiden oder zumindest umgehend zu kompensieren und wettzumachen. Wenn wir uns jedoch einen ehrlichen Blick auf das Leben erlauben, müssen wir feststellen, dass der Kampf gegen den Verlust auf Dauer nicht zu gewinnen ist. Verluste gehören zu den Herausforderungen, mit denen jeder von uns unweigerlich immer wieder konfrontiert wird. Wachstum ohne Verlust scheint nicht möglich zu sein, beides bedingt sich gegenseitig, es sind die zwei Seiten der gleichen Medaille.

Schwere Verluste haben sogar das Potential, unsere Identität, unser Selbstbild ins Wanken zu bringen. Wir können einen geliebten Menschen, unseren Job, unseren Besitz, unsere soziale Stellung, unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten oder unsere Gesundheit verlieren. All das können tragende Säulen unseres Selbstbildes sein, z.B.:

  • ich bin die, die mit einem tollen Partner zusammenlebt
  • ich bin der, der beruflich erfolgreich ist und viel Geld verdient
  • ich bin die mit dem coolsten Freundeskreis und mit der alle befreundet sein wollen
  • ich bin der, der sportlich fit ist und bei jeder Aktion mitmachen kann

Wenn eine solche Säule wegbricht, hinterlässt sie eine große Lücke in unserem Selbstbild, manchmal gerät damit auch das restliche Gefüge ins Wanken. Das kann sehr schmerzhaft sein und heftige Emotionen wie Angst, Wut, Selbstmitleid, Groll oder Verzweiflung auslösen. Oft hadern wir dann mit dem Leben und fühlen uns als Opfer widriger Umstände, eines ungerechten Schicksals oder bösartiger Menschen. Diese Opferrolle kann sich leicht zu unserer neuen Identität auswachsen, um die herum wir uns nun ein neues Leben und neue Beziehungen aufbauen.

Wenn wir mit einem Verlust konfrontiert werden, bekommen wir vom Leben keinen zeitlichen Puffer eingeräumt, sondern es geht alles rasend schnell: Unsere Gedanken und Emotionen rund um unser altes Selbstbild versuchen sich neu zu sortieren, was sich heftig, unkontrollierbar und sehr chaotisch anfühlen kann und uns wie in einem Strudel mitreißen kann.

Wir brauchen also die Fähigkeit, uns dieses unruhigen Prozesses bewusst bleiben zu können, achtsam zu sein. Jedenfalls so schnell wie möglich und so oft wie möglich. Hier können wir all die Werkzeuge und Fähigkeiten des NLP einsetzen, mit denen wir das Wahrnehmen und Da-sein-lassen unserer Gedanken und Emotionen geübt haben.

Immer wenn es uns so gelingt, als Beobachter unseres inneren Geschehens gegenwärtig zu sein, können wir uns der Lücke bewusst werden, die der Verlust hinterlässt. Das Bewusstsein für die Lücke ermöglicht es uns, der Leere, die entstanden ist, offen, unvoreingenommen und ohne Angst zu begegnen. Vielleicht wagen wir es sogar, uns ihr zu überlassen, in sie einzutreten.

Dann kann sich diese Leere überraschend friedlich anfühlen. Erwartungen sind nicht nötig. Und die Lücke wird zum Raum, in dem sich uns das Neue zeigt.