Newsletter Mai 2018

Das Gleichnis von der Hydra

In der griechischen Mythologie ist die Hydra ein schlangenähnliches Wesen mit mehreren Köpfen, das immer wieder zu gefährlichen Raubzügen ausrückt und Angst und Schrecken verbreitet. Setzt man sich zur Wehr und schlägt der Hydra einen Kopf ab, so wachsen aus dem Stumpf sofort zwei oder drei neue Köpfe nach. Die Hydra wird also noch stärker und gefährlicher.

Manchmal sieht es so aus, als wäre die Hydra in uns und wir wären in einen aussichtslosen Kampf gegen uns selbst verstrickt:

  • Wir erkennen Eigenschaften und Muster in uns, die wir ablehnen und ausmerzen wollen. Wir sind unzufrieden und ärgerlich mit uns, bemühen uns redlich, diese Muster künftig zu vermeiden. Aber immer wieder müssen wir feststellen, dass wir doch wieder ins alte Fahrwasser geraten sind. Vielleicht sieht es sogar so aus, als ob wir uns immer tiefer ins Schlamassel manövrieren würden.
  • Oder wir nehmen uns vor, auf unsere Gedanken zu achten und alle negativen, selbstkritischen, ängstlichen und beurteilenden Gedanken aus unserem Kopf zu verbannen. Auch hierbei will sich der gewünschte Erfolg oft nicht einstellen und wir bekommen den Eindruck, als ob sich im Gegenteil das Bombardement unserer Gedanken noch steigern würde.
  • Oder wir wollen bestimmte Emotionen und Gefühle nicht mehr erleben und versuchen uns von ihnen abzuschneiden. Früher oder später tauchen sie unvermittelt wieder auf und scheinen heftiger zu sein als je zuvor.

Gegen die Hydras in unserem Innern zu kämpfen, ist eine Strategie, die nicht nur sehr kräftezehrend ist, sondern die auch nur selten auf Dauer erfolgreich ist. Das Kämpfen führt dem, gegen das wir kämpfen, oft sogar noch mehr Energie zu. Was können wir also tun, wenn wir feststellen, dass wir dabei sind, gegen eine Hydra zu kämpfen?

Wir hören mit dem Kämpfen auf und wenden uns dem zu, dem wir uns widersetzt haben. Wir schauen es uns an und respektieren die unbestreitbare Tatsache, dass es für uns existiert. Wir lassen von unserem Vorhaben ab, eine Änderung zu erzwingen. Wir kommen der Hydra nahe und erlauben uns, sie wahrzunehmen. Vielleicht gelingt es uns dabei sogar, etwas an ihr zu entdecken, das uns bisher entgangen ist und das uns gefällt. Wir tun uns selbst den Gefallen, der Hydra zu gestatten zu bleiben.

Und wer weiß schon, wie lange eine Hydra bleibt, die willkommen geheißen wird.