Newsletter Mai 2019

Das tote Pferd

Eine Weisheit der Dakota-Indianer lautet:

„Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!”

Dieser Satz klingt doch ziemlich nüchtern und unelegant, ja sogar fast rabiat. Da muss es doch sicher noch andere, kreativere Lösungen geben. Wäre doch gelacht, wenn uns da nichts besseres einfallen würde:

  • Wir besorgen uns eine stärkere Peitsche.
  • Wir sagen: „So haben wir das Pferd schon immer geritten”.
  • Wir sagen: „Die Anderen erwarten von uns, dass wir das Pferd weiter reiten“.
  • Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
  • Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
  • Wir erhöhen die Qualitätsstandards für das Reiten toter Pferde.
  • Wir bilden eine Task-Force, um das Pferd wiederzubeleben.
  • Wir kaufen Leute von außerhalb ein, die angeblich tote Pferde reiten können.
  • Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu können.
  • Wir stellen Vergleiche unterschiedlicher toter Pferde an.
  • Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
  • Wir schirren mehrere tote Pferde gemeinsam an, damit wir schneller werden.
  • Wir entwickeln ein Motivationsprogramm für tote Pferde.

Bei dem „Pferd“ kann es sich um eine Beziehung handeln oder einen Job, um ein Hobby oder eine Angewohnheit. Es kann auch eine Lebenseinstellung sein, ein lange gepflegtes Image und vieles mehr.

Keine Frage, es ist nicht immer leicht zu erkennen, ob ein „Pferd“ schon tot ist oder sich vielleicht wieder erholt. Möglicherweise sitzen wir schon sehr lange im Sattel, das Pferd wurde ganz allmählich immer langsamer und wir haben seinen Tod gar nicht bemerkt.

Aber es kann sein, dass diese Weisheit etwas in uns berührt und wir uns erinnern, dass wir das eine oder andere Mal in unserem Leben von innen her plötzlich wussten, dass etwas vorbei war. Und wir dann diese Erkenntnis vor uns selbst geleugnet haben. Wir haben unseren Kopf eingeschaltet und all unser Wissen und unsere Erfahrungen durchforstet, um eine Realität zu konstruieren, in der das tote Pferd weiterhin einen Platz beanspruchen konnte.

„Steig ab!“ bezieht sich nicht so sehr auf Verluste, die uns ohne unser aktives Zutun geschehen. Mit solchen Situationen umzugehen fällt uns meist leichter. Hier haben andere Menschen oder das Leben bereits Tatsachen für uns geschaffen.

„Steig ab!“ ruft uns dazu auf, selbst aktiv zu werden und mutig zu sein, wenn wir erkennen, dass etwas vorbei ist. Manchmal haben wir noch Glück und es ist bereits etwas Neues aufgetaucht, das an die Stelle des Alten treten kann. Es kann aber auch sein, dass wir aufgefordert sind, uns der Leere, der Ungewissheit zu stellen. Dass wir Raum schaffen müssen, ohne zu wissen, wie, wann und womit er sich wieder füllen wird.