Newsletter November 2018

Das Geschenk des Nein

Jeder Tag bringt uns eine Vielzahl von Situationen, in denen eine Entscheidung von uns gefordert wird. Oft sind auch andere Menschen beteiligt und unsere Entscheidung hat auch auf sie Auswirkungen. Wir sind uns dessen bewusst. Manchmal sagen diese Menschen uns explizit, welche Entscheidung, welches Verhalten sie sich von uns wünschen bzw. erwarten. Manchmal sagen sie es uns nicht direkt, aber dann stellen wir eben Vermutungen an und meinen zu wissen, wie die Anderen es gerne hätten.

In den meisten Fällen ist es uns lieber, wenn wir zu diesen Wünsche Ja sagen können. Wir wollen nicht, dass andere Menschen von uns enttäuscht werden, dass sie wegen uns traurig sind und wir uns dann schuldig daran fühlen. Vielleicht befürchten wir auch, dass die Anderen ärgerlich und wütend auf uns sein könnten. Sie könnten sich an uns rächen, uns versuchen zu schaden. Wie viel angenehmer ist da die Perspektive, vor den Anderen gut da zustehen, von ihnen gemocht zu werden. Wir genießen die Anerkennung, die wir dann bekommen. Oft sind indirekt auch noch die Beziehungen zu weiteren Personen betroffen, die von unserer Entscheidung erfahren. Das können z.B. Arbeitskollegen sein oder auch die andere Familienmitglieder. Auch hier könnten wir uns mit einem Nein möglicherweise Sympathien verscherzen.

Und doch spüren wir alle, dass in gewissen Situationen ein Nein die richtige Entscheidung ist. Wir können es nicht jedem recht machen, wir können nicht alle Wünsche erfüllen. Aber ist ein Nein erst dann erlaubt, wenn wir an unserer Belastungsgrenze angelangt sind? Brauchen wir für ein Nein eine gut begründete Rechtfertigung gegenüber den Anderen – und auch gegenüber unseren Ansprüchen und Vorgaben an uns selbst?

Von Kindern können wir hier lernen. Sie kennen und leben die Integrität eines Nein. Wir machen ihnen ein Angebot und bekommen ohne Umschweife eine Absage. Ohne Erklärung oder Begründung, ohne Dank für das Angebot, ohne irgendeine Geschichte. Sie lassen uns überrascht, belustigt, enttäuscht oder verärgert zurück, ohne sich für unsere Reaktion verantwortlich zu fühlen. Ihr Nein kommt unmittelbar und ungefiltert, aus ihrer natürlichen inneren Integrität.

Sie ist ein Geschenk an uns, sogar ein sehr großes: Das Nein ist nämlich ihre ureigenste Wahrheit. Wenn wir aufmerksam sind, können wir spüren, wie angenehm es sich tief innen für uns anfühlt, mit der Wahrheit eines ehrlichen Neins beschenkt zu werden, egal ob von Kindern oder von Erwachsenen. Wir wissen, woran wir sind, wir haben Klarheit bekommen. Uns wurde die Erwartung und die Wertschätzung zuteil, dass wir mit dem Nein zurecht kommen können. Und wir wissen, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass in einer anderen Situation ein Ja von diesem Menschen auch wirklich ein Ja bedeuten wird. Auch wir selbst können wieder in Kontakt kommen mit dieser natürlichen Integrität und sie Anderen und uns selbst zum Geschenk machen.