Newsletter November 2019

Anfängergeist und Zweifel

Um mit den vielen Anforderungen unseres oft sehr durchgetakteten Lebens zurecht zu kommen, sind wir es gewohnt, uns innerlich im voraus eingehend mit kommenden Ereignissen zu befassen. Wenn wir beispielsweise mit jemandem ein Gespräch vereinbart haben, um eine Angelegenheit zu klären, spielen wir den erwarteten Ablauf vorher in unserem Geist durch. Wir legen uns unsere Worte zurecht, lassen unseren Gesprächspartner so antworten, wie wir es vermuten und versuchen, unsere Argumentationslinie optimal vorzubereiten und den Verlauf zu steuern.

Bei dieser Art des Vorgehens investieren wir oft eine Menge Zeit und Energie. Wir spielen die verschiedensten Varianten und Kombinationen durch in dem Bemühen, ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle über das künftige Ereignis zu erlangen. Wir konstruieren ein festes Gerüst, ein starres Modell für das Geschehen. Wenn das Ereignis dann tatsächlich beginnt, versuchen wir, uns am Gerüst entlang zu hangeln und auch andere Beteiligte dazu zu bringen, sich an die Vorgaben des Modells zu halten.

Oftmals scheinen die anderen aber nicht dazu bereit zu sein, ihre zugedachte Rolle in unserem Modell einzunehmen. Es stellt sich heraus, dass sie anscheinend ein eigenes Modell im Kopf haben. Das Geschehen entwickelt sich nicht so wie erwartet, läuft aus dem Ruder, der vorgesehene Rahmen lässt sich nicht halten. Unsere gut gemeinte Vorbereitung, unser inneres Konstrukt der Realität, erweist sich mehr und mehr als hinderlich, als selbst angelegte Fessel. Es fällt schwer, aus dem Modell auszusteigen.

Mit „Anfängergeist“ ist eine innere Bereitschaft und Haltung gemeint, die Wirklichkeit in jedem Moment so wahrzunehmen, wie sie ist, und nicht, wie wir sie uns vorstellen. Das bedeutet, alle Gedanken und Konzepte loszulassen. Wir verzichten auf den Versuch, aus den Erfahrungen der Vergangenheit das Rezept für die jetzige Situation abzuleiten. Wir sind uns bewusst, dass sich nichts wiederholt, dass jede Situation ganz neu ist und auch wir selbst in ihr ganz neu sind. Wir sind somit Anfänger in Bezug auf jede Situation, auf jedes Geschehen in unserem Leben.

Wenn wir uns als Anfänger verstehen, fällt es uns auch leichter, das Aufkommen von Zweifeln zu akzeptieren. Wir dürfen es uns erlauben, nicht immer sofort wissen zu müssen, was die richtige Antwort, die richtige Handlung ist. Wir können den Zweifel als ein Indiz dafür ansehen, dass wir die Situation als neu und unbekannt erfahren. Wir können uns auf den Weg nach innen machen, um die Antwort zu erkennen, die dort schon auf uns wartet.

Auch im NLP ist das Prinzip des Anfängergeistes verankert. Das Wahrnehmen und verändern unseres inneren Zustands ist der Ausgangspunkt. Für welche Qualitäten entscheiden wir uns, wie fühlt sich das an, in unserem Körper, in unserem ganzen Sein? Aus diesem inneren Zustand entsteht spontan und natürlich unser Denken, Handeln und unser Verhalten. Wir können darauf vertrauen, dass das in uns aufsteigt, was gerade angemessen und erforderlich ist. Und das kann etwas ganz anderes sein als das, was das Wissen der Vergangenheit empfehlen würde.