Newsletter September 2018

Was ist das Ego?

Wenn wir uns ernsthaft damit befassen, uns selbst zu ändern, abgelehnte Eigenschaften los zu werden und ganz allgemein zu dem Menschen zu werden, der wir gerne sein wollen, dann werden wir sehr wahrscheinlich Bekanntschaft mit unserem Ego machen. Denn wir stellen fest, dass dieser Prozess langwierig und mühselig ist. Es gibt Zeiten, da scheint es so, als kämen wir überhaupt nicht vom Fleck. Oder hätten sogar den Rückwärtsgang eingelegt, weil wir erfahren müssen, dass bereits überwunden geglaubte Eigenschaften und Muster sich unversehens wieder eingeschlichen haben.

Dann wissen wir: Das Ego hat die Regie übernommen und unsere Bemühungen gestoppt und zunichte gemacht. Das Ego war stärker als wir. Offenbar waren wir noch immer nicht so weit, es überwinden zu können. Wir sind frustriert, das Ego scheint ein übermächtiger Gegner zu sein.

Aber gibt es das Ego überhaupt?

Gibt es da ein Etwas, ein merkwürdiges Gebilde, das eine gewisse Stabilität hat und bestimmte Eigenschaften besitzt? Das sich in uns befindet und subversiv gegen uns arbeitet?

Möglicherweise ist das gar nicht so. Vielleicht gibt es da gar nichts, das uns seine Existenz dadurch beweist, dass wir bestimmte ungeliebte Gedanken denken oder ungeliebte Verhaltensweisen an den Tag legen. Gedanken tauchen einfach auf, sie erscheinen in unserem Bewusstsein und entspringen unserer Konditionierung.

Daran ist zunächst nichts Schlimmes. Gedanken kommen, Gedanken gehen. Erst wenn wir sagen „das sind meine Gedanken, das habe ich gedacht“, wenn wir uns also mit den Gedanken identifizieren, dann taucht damit das Ego auf. Das Ego entsteht mit der Identifikation. Es entsteht nach dem Gedanken. Es entsteht immer wieder neu, jedes Mal, wenn wir uns mit einem Gedanken identifizieren. Das Ego ist also kein Ding und schon gar nicht eine Art böse Person, die sich in uns eingenistet hat. Es ist ein Prozess, ein Geschehen, das sich im Nachgang von Gedanken entwickelt.

Oder eben auch nicht. Wenn wir aufmerksam sind, unsere Gedanken zur Kenntnis nehmen, sie furchtlos, neugierig und liebevoll anschauen, dann müssen wir uns nicht über sie definieren und daraus ein Ego konstruieren. Vielleicht entspannen wir uns dann einfach und lächeln den Gedanken zu. Umso leichter werden die Gedanken dann uns loslassen.