Newsletter September 2019

Dienen

Dem Begriff „Dienen“ haftet in unserer westlichen Gesellschaft und Kultur ein eher negativer Beigeschmack an. Er widerspricht unserem Ideal von Gleichberechtigung, von einem Zusammenleben ohne Hierarchien.

Im beruflichen Kontext dienen wir vielleicht unserem Chef oder dem Unternehmen, für das wir arbeiten. Zwar werden wir dafür immerhin entlohnt, aber dennoch fühlt es sich für viele von uns so an, als müssten wir den Interessen, Wünschen und Anordnungen anderer Folge leisten und könnten nicht unser eigenes Ding machen. Wir müssen tun, was uns aufgetragen wird, sind also Diener.

Im privaten Kontext kommt meist noch hinzu, dass die finanzielle Kompensation wegfällt. Wer für die vielfältigen Belange in der Familie tätig ist, im Haushalt, für die Kinder, die Pflege von Angehörigen, das Organisieren der sozialen Kontakte etc., erbringt seine Leistungen in der Regel, ohne Geld dafür zu erhalten. Ohne Geld fällt die kulturell am höchsten bewertete Form der Anerkennung weg. Nicht einmal der Status, überhaupt zur „arbeitenden Bevölkerung“ zu gehören, wird einem dann zuerkannt.

Der – am besten selbstlose –  Dienst am Nächsten steht zwar offiziell in unserem Wertekatalog sehr weit oben, erfährt aber in der Praxis des Alltags wenig Wertschätzung und wird sehr oft als unbefriedigend und deprimierend erlebt. Sich als Diener oder Dienerin zu erfahren, stellt das Selbstwertgefühl auf eine harte Probe.

Ein Schüler meinte zu seinem Meister: „Meister, ich bin so weit, dass ich nur noch an die anderen denke.“ Da sagte der Meister: „Und ich bin so weit, dass ich nur an mich denke. Die anderen gibt es nicht.“

Was meint der Meister damit? Vermutlich lädt er zu einer neuen Sichtweise ein. Alles was ich tue, auch wenn es ein Dienst für andere ist, tue ich für mich. Wenn ich aufräume, räume ich für mich auf. Wenn ich koche, koche ich für mich. Wenn ich einen Auftrag erledige, erledige ich ihn für mich. Ich bestätige und wähle alles als den Ausdruck meines eigenen Lebens. Ich diene nicht den anderen, sondern immer nur mir selbst. Alles, einschließlich der anderen, ist stets eine Gelegenheit, mir selbst zu dienen.

Im NLP würden wir hier vielleicht von einem radikalen, umfassenden Reframing sprechen. Wir geben dem aktuellen Geschehen eine neue Bedeutung, übernehmen die Verantwortung, nehmen es in Besitz. Damit gehen wir auf das Geschehen zu, das ohnehin so ist, wie es eben ist, anstatt uns ihm zu widersetzen. Wir lassen uns auf das Geschehen ein, machen es zu unserem. Vielleicht werden wir sogar so eins mit ihm, dass es keine Rolle mehr spielt, ob wir das, was wir tun, für uns oder für andere tun.